A Night out at Astor’s Hair

Eine Kellertreppe, an der ein handgeschriebenes Schild lehnt. Männer, die im Dunklen hinabsteigen. Sie wollen nur eins…

…einen frischen Haarschnitt. Den will ich auch und deshalb folge ich ihnen in ein unterirdisches Reich, das erstaunlich wenig nach Shampoo und Spray riecht. Aber vielleicht achte ich nur nicht so darauf, weil das, was ich sehe, mich gefangen nimmt: Der sicherlich 300 Quadratmeter große Raum, den ich betrete, wird grell von Neonlicht ausgeleuchtet. An den Wänden und überall von der Decke hängen Spiegel, mit den Namen des jeweiligen Stylisten versehen, der vor und mit ihnen arbeitet. Was in der Mehrzahl der Fälle heißt, dass er oder sie gerade jemanden rasiert oder föhnt. An der Kasse sitzt ein kräftiger Typ mit schwarzem Brillengestell und olivfarbener Haut, der mit einem Kugelschreiber zeichnet. Auf dem Bild erkennt man ihn, wie er auf einer Rakete sitzt. Ich will zu Ross, und deshalb ruft der Kassierer mit unwirscher Stimme diesen Namen in ein Mikrophon. Kurze Zeit später taucht ein Mann mit blau gefärbter Tolle auf, eine Kundin mit Handtuch ums nasse Haar folgt ihm: Mein Friseur für heut‘ bei Astor’s Hair.

Ross und Jackie beim Styling.

Ross und Jackie beim Styling.

Seit den 1940er Jahren liegt der Laden am Astor’s Place in New York City. Ein Italiener habe ihn gegründet, lässt Ross mich wissen, und sehr viele Menschen aus aller Welt kämen hierher während ihrer Ferien. Mehr als 50 Stylisten,ebenfalls aus aller Welt, sorgen dafür, dass diese anschließend auf dem Kopf besser aussehen als vorher. In der Mehrzahl der Fälle jedenfalls. Ross kommt nicht aus Polen, Usbekistan oder Marokko, sondern aus Pennsylvania. Nicht die internationale Atmosphäre bei Astor’s Hair reizt ihn, auch nicht das Geld (angeblich – aber nun ja, ein Haarschnitt kostet hier tatsächlich nur rund 20 Dollar und damit sicher ein Drittel des in New York üblichen Preises). „I love what I do“, sagt Ross mit der blauen Tolle lapidar, während er meinen Schopf bearbeitet. Kundin Jackie schaut geduldig zu, die Bankerin aus New Jersey hat Zeit, es ist Freitagabend kurz vor acht. Zeit für ein Glas von dem Sauvignon Blanc, den Jackie in ihrer Tüte mitgebracht hat, und natürlich für das Schwätzchen beim Figaro.

Am Arbeitsplatz bei Astor's Hair.

Am Arbeitsplatz bei Astor’s Hair.

Ross zeigt auf seinem Smartphone Fotos von seinen langen Haaren, die er kürzlich zugunsten der Tolle abschneiden ließ. Jackie revanchiert sich mit Bildern von ihren Töchtern im Bikini am Strand. Fotos der jeweiligen Mütter werden stolz präsentiert, deren Schönheitsrezepte ausgetauscht („meine trinkt literweise Wasser am Tag und pflegt ihre Haut mit Vaseline“, sagt Ross). Dann geht’s ums Essen – ja, gesunde Mahlzeiten mit Fisch und Gemüse seien zwar gut und richtig, sagen die beiden, aber wichtiger scheint ihnen die Adresse des besten Burger-Restaurants der Stadt zu sein. In New York habe er noch keinen guten Burger gegessen, erklärt Ross mit Nachdruck.

Meine Frisur entsteht unter seinen Händen quasi nebenbei und ich schaue mir die Arbeitsplätze im Salon an. Manche sind ganz spartanisch, Spiegel, Schere, fertig. Andere umrandet von Fotos und Zeitungsausschnitten, die eventuell zeigen, wie man als Kunde aussehen könnte. Vielleicht sollen sie aber auch nur eine Lebenshaltung demonstrieren. „Why worry?“ steht zum Beispiel auf einem Schnipsel geschrieben, der gut sichtbar über dem Arbeitsplatz von Ross‘ gewichtigem Spiegelnachbarn mit der Minipli-Frisur hängt. „Guten Abend, Fraulein“, ruft dieser mir dementsprechend fröhlich zu, als er hört, dass ich aus Deutschland komme. Feierabend für heute, um 21.30 h schließt die Kasse bei Astor’s Hair und ich gehe – mit noch feuchtem Haar – hin zum Bezahlen. Ross, Jackie und ich haben uns verquatscht, das Föhnen dauert, vor allem bei Jackie. Ich bin vorher fertig und die beiden sind sich sicher: Jetzt muss ich ausgehen und Spaß haben. Am besten in einer der vielen Bars an der 42. Straße, verrät mir Jackie noch.

Natascha Plankermann

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