Kopfüber in die Nacht von Las Vegas

Wer im Hotel eincheckt, kommt mit dem Aufzug gleich in der Spielhölle an. Und muss teuflisch aufpassen, dass er nicht von üppigen Amerikanern überfahren wird, die mit einer Art Golfmobil von ihren einarmigen Banditen zur Toilette fahren. Weil sie ja sonst so weit gehen müssten. Das ist Las Vegas…

Verblasster Stern: das Riviera am Ende des Las Vegas Strip.

Verblasster Stern: das Riviera am Ende des Las Vegas Strip.

Glitzernde Verheißung... hier mit Batman und Robin.

Glitzernde Verheißung… hier mit Batman und Robin.

Durch das Gebimmel und Geblinke der Glücksspielautomaten, an denen überraschend häufig Männer mit qualmenden Zigarren sitzen, suchen wir den richtigen Pfad in die Lobby des „Riviera“. Stellen uns in eine lange Schlange geduldig Wartender. Gibt ja 2200 Zimmer, die belegt werden wollen. Überdimensionale Schwarz-Weiß-Fotografien erinnern an die vergangenen großen Zeiten der früheren „Institution“ am Strip: Marlene Dietrich und Louis Armstrong traten dort in den 60er Jahren gemeinsam auf; Dean Martin nahm den ein oder anderen Bourbon an der Bar; Steve Martin ist zu sehen, wie er in den 80er Jahren etwas (bestimmt Lustiges) ins Mikrophon spricht. Heute wirkt der Teppich zwischen den Automaten im Casino abgetreten und verblichen wie der Glanz des „Riviera“. Die Zimmer sind jedoch sauber und erstaunlich ruhig – der passende Ort zum Atemholen, bevor man sich kopfüber in die Nacht der fabulösen sündigen Stadt stürzt.

Blutrote Kronleuchter zieren die Spielhöllen Wynns.

Blutrote Kronleuchter zieren die Spielhöllen Wynns.

Dort hat – so scheint’s – vor allem einer das Sagen, wenn es um Glamour und Geschäft geht: Steve Wynn. Dem schön operierten und fein gefärbten Milliardär in seinen 70ern gehören die geschwungenen Glitzerbauten der Schwesterhotels „Wynn“ und „Encore“, die sich wenige Schritte vom „Riviera“ entfernt erheben. Darin wandelt man an Edelboutiquen vorüber in die mit blutroten Kronleuchtern erleuchtete Casinowelt, die größer als 10 000 Quadratmeter sein soll. Auf dem Marmorboden flattern Schmetterlinge, als Mosaike ausgelegt. Über ihnen schweben wie ihre Pendants schmale Damen in Schlauchkleidern auf High Heels. Man sieht sie nicht zu den Glücksspielautomaten gehen, allerhöchstens nehmen sie einen Cocktail an einer der 18 Bars. Oder warten in der Lounge auf den nächsten Auftritt des angejahrten Entertainers Michael Monge mit der violetten Krawatte. Dessen Sangeskünste werden draußen vor den Hotels auf überdimensionalen Leinwänden in einer endlosen Filmschleife ebenso angepriesen wie Wynns Tanzrevue „Show Stoppers“.

Eine der Bettenburgen von Steve Wynn - das Encore...

Eine der Bettenburgen von Steve Wynn – das Encore…

Nix Stop, die Show geht in Las Vegas natürlich ungebremst bis spät in die Nacht weiter – und das alles mithilfe geklauter Kultur und Architektur aus „good old europe“, nachgebaut aus Plaste und Elaste. Wie die römischen Statuen am „Cesars Palace“ oder der Marcusplatz im Inneren des „Venetian“, an dem Gondoliere mit ihren Kähnen auf stark gechlort müffelndem Wasser vorüberstaken. Da lassen wir uns die Nase doch lieber vom Verwesungsgeruch der Original-Kanäle Venedigs kitzeln… zumal dort auch nicht so schief gesungen wird wie auf den Wogen der amerikanischen Imitate.
Bei allem Widerwillen gegen die künstliche Welt der Sündenstadt kann man sich ihrer Faszination indes nicht entziehen: Vieles in Las Vegas wirkt, als hätten große Spielkinder sich einen späten Traum im XL-Format erfüllt – so unanständig überdimensioniert sind Burgen, Schlösser, Paläste und Pyramiden… Ernüchtert wird der Nachtwandler nur, wenn er seine Schritte in die darin verborgenen Spielerparadiese lenkt. Je später die Stunde, desto armseliger und verlorener die Gestalten, die darin ihr vermeintliches Glück suchen. Und wohl nur selten finden, weil ihr Geld dann doch in den prall gefüllten Taschen von Steve Wynn & Co. landet…

Natascha Plankermann

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